Drei Clubs, zwei Kunstschaffende, ein Triptychon. Lina Luna Bornhauser (sie/ihr) und Boris Jeronimo Loretan (er/ihm) zeigen erstmals alle drei Teile ihrer gemeinsam erarbeiteten Gemäldetrilogie. Die monumentalen Arbeiten porträtieren Orte des Berner Nachtlebens. Zwischen dokumentarischer Genauigkeit, symbolischer Überhöhung und fiktiven Beifügungen vereinen sich Realität, Konstruktion und persönliche Erfahrung. Die Werke zeigen typische Szenegestalten ebenso wie architektonische Details und Momentaufnahmen von Exzess. Wie Anti-Veduten entziehen sie sich der Darstellung wahrheitsgetreuer Landschaften und zeigen stattdessen das städtische Leben im Dazwischen. Mit akribischen auch fotografischen Recherchen haben sie in gemeinsamer Ausführung collageartige Malereien geschaffen, die zu kraftvollen Suchbildern erwachsen sind.
Three clubs, two artists, one triptych. For the first time, Lina Luna Bornhauser (she/her) and Boris Jeronimo Loretan (he/him) are exhibiting all three parts of their trilogy of paintings, which they created together. The monumental works portray venues of Bern’s nightlife. Between documentary accuracy, symbolic exaggeration and fictional additions, reality, construction and personal experience come together. The works depict typical scene characters as well as architectural details and snapshots of excess. Like anti-vedute, they refrain from depicting realistic landscapes and instead show urban life within the in-between. Through precise photographic research, they have collaboratively created collage-like paintings that have grown into powerful seek-and-find images.
Cruz Franco Nazar (er/ihm) bietet spekulative Gefässe zur Fortbewegung, zum Tragen und zur Fürsorge an. Es ist, als spiele er ein Versteckspiel, bei dem nie ganz klar ist, wonach wir eigentlich suchen sollen. Seine Arbeiten spiegeln die Beziehungen zwischen dem Einzelnen, anderen und der Landschaft wider und entfalten eine zarte Polyphonie. Flüchtige Eindrücke von Körpern und Landschaften machen diese Verbindungen spürbar, wobei das Körperliche das Flüchtige bestätigt.
Cruz Franco Nazar (he/him) offers speculative vessels for moving, carrying, or even caring. It is as if he plays a game of hide-and-seek, where it is never entirely clear what we are meant to be looking for. His works reflect the relations between the individual, others, and landscapes, revealing a delicate polyphony. Glimpses of bodies and landscapes make these links perceptible, where the physical confirms the ethereal.
Bildcredits: Andrés Franco Nazar, Nolan Lucid
Zwischen organischem Wachstum und technischer Reproduktion entfalten sich die installativen Keramiken von Elio Mueller (er/ihm). Aus industriellen Relikten und organischen Spuren entstehen hybride Formen, die sich zwischen Abstraktion und Körperlichkeit bewegen. Sie spiegeln Spannungsfelder wie Wachstum und Zerfall, Verletzlichkeit und Widerstand. Das Material selbst wird zur Metapher für Wandel, Durchlässigkeit und das Unbeständige. Elio nähert sich dem Menschlichen im Mehr-als-Menschlichen, das tief in ein Geflecht aus Vorstellungen von Welt und Umwelt verwoben ist.
Between organic growth and technical reproduction, the installation ceramics of Elio Mueller (he/him) unfold. From industrial relics and organic traces, hybrid forms emerge that oscillate between abstraction and corporeality. They reflect tensions such as growth and decay, vulnerability and resilience. The material itself becomes a metaphor for change, permeability, and impermanence. Elio approaches the human through the more-than-human, weaving a subtle dialogue between bodies, ideas, and the entangled fabric of world and environment.
Elsa Wagnière (sie/ihr) setzt sich mit den Wechselwirkungen zwischen Belebtem und Unbelebtem und untersucht Formen der Koexistenz und Zusammenarbeit zwischen Arten, Materialien, Technik und Chemie.
In «Deck of Vermins» nutzt Elsa KI-Tools wie ChatGPT, um aus wissenschaftlichen Daten ein spekulatives Bestiarium zu entwickeln. Es besteht potenziell aus 52 Kreaturen. Jede Kreatur steht für ein chemisches Element, das in einem iPhone 5S vorhanden ist. Die Gewinnung dieser Stoffe geht einher mit zerstörten Lebensräumen. Elsa lässt in dieser Zerstörung Neues entstehen: hybride, widerstandsfähige Wesen, nicht nur die Anpassungsfähigkeit der Natur verkörpern, sondern auch die Vorstellung einer posthumanen Ökologie. «Deck of Vermins» hinterfragt ökologische und industrielle Zusammenhänge sowie die Grenzen zwischen Mensch, Maschine und kreativer Autorschaft.
Elsa Wagnière (she/her) explores the interactions between the living and the non-living and examines forms of coexistence and collaboration between species, materials, technology and chemistry.
In «Deck of Vermins», Elsa uses AI tools such as ChatGPT to develop a speculative bestiary from scientific data. It potentially consists of 52 creatures—each representing a chemical element found in an iPhone 5S. The extraction of these materials goes hand in hand with the destruction of habitats. Elsa allows something new to emerge from this destruction: hybrid, resilient beings that embody not only nature's adaptability, but also the idea of a posthuman ecology. «Deck of Vermins» questions ecological and industrial contexts as well as the boundaries between humans, machines and creative authorship.
Bildcredits: Zoé Aubry
Bräuche und ihre Überlieferungen bilden den Resonanzraum von Felix Stöckles (er/ihm) künstlerischem Schaffen. An der Jungkunst zeigt er ein wandfüllendes Ensemble aus selbst gebrannten Keramikkacheln, inspiriert von den römischen Palazzi. Risse und Brüche verweisen auf das Unberechenbare des Materials und zugleich auf die Fragilität von Erinnerung und kultureller Überlieferung. Zwei Schwäne rahmen den Bildraum, in dem Antike, Archäologie und Pop aufeinanderprallen. Schwungvolle Ornamente verbinden sich mit Symboliken der Liebe und Tiermotiven. Mit «Grotto, Grotto, Grotto» trifft römische Opulenz auf wilde Materialpoesie und setzt inmitten der industriellen Halle einen «grotesken» Akzent.
Customs and their transmission form the resonant chamber of Felix Stöckle’s (he/him) artistic practice. At Jungkunst, he presents a wall-filling ensemble of self-fired ceramic tiles, inspired by Roman palazzi. Cracks and fractures point to the unpredictability of the material while simultaneously evoking the fragility of memory and cultural heritage. Two swans frame the pictorial field, where antiquity, archaeology, and pop collide. Flowing ornaments intertwine with symbols of love and animal motifs. In «Grotto, Grotto, Grotto», Roman opulence meets wild material poetry, setting a «grotesque» accent in the midst of the industrial hall.
Aufgewachsen zwischen Agglomeration, Bauernhof und Verkehrsknotenpunkt bewegt sich Gian Kaegi (er/ihm) am liebsten in Zwischenräumen. Aus genormten Alltagsdingen formt er skurrile Versuchsanordnungen und eigensinnige Installationen. Zufällige Passformen werden zu choreografierten Begegnungen. Alles dreht sich um Bewegung: Als kreisendes System, als fast musikalischer Rhythmus, als Gegenpol zur Stille. Gians Werke verhandeln Ordnung und Zufall, Wiederholung und Abweichung. Sie erinnern an das Verweilen in Transiträumen. Begegnungen ohne Anfang und Ende, doch voller Möglichkeiten.
Growing up between suburbia, a farm, and a transport hub, Gian Kaegi (he/him) feels most at ease in the in-between. From standardised everyday objects, he fashions whimsical experiments and singular installations where chance alignments unfold into choreographed encounters. At the heart of his practice lies movement: as a circling system, an almost musical rhythm, a counterpoint to stillness. Gian’s works negotiate order and coincidence, repetition and variation. They evoke the act of lingering in spaces of transit. Encounters without beginning or end, yet charged with possibility.
Gilian Cardaci (er/ihm) kommt ursprünglich aus der Werbe-Fotografie und nutzt die dort gelernte cleane und knackige Ästhetik, um einen kritischen Blick auf die Sport- und Freizeitsbranche zu werfen. In seinem an der Jungkunst gezeigten Projekt «Pitch Green» untersucht er das Phänomen des Fussballrasens und dessen perfektionistische Regulierung und Pflege. Eine Selbstverständlichkeit für die meisten Fussballfans, muss der Rasen im Spitzenfussball eine fast schon skurrile Genauigkeit und Homogenität aufweisen, um die von der FIFA festgelegten Standards zu erfüllen. Gilian enthüllt die Technologien und Prozesse, die hinter den Kulissen werkeln und erschafft dabei eine Art liminale und absurde Bildsprache der verborgenen Perfektion. So können die Bilder sowohl als kritischen Einblick in ein Milliardengeschäft, aber auch als visuelles Schwelgen in Tech-Ästhetik gelesen werden.
Gilian Cardaci (he/him) originally comes from advertising photography and uses the clean and crisp aesthetics he learned there to take a critical look at the sports and leisure industry. In his project «Pitch Green» shown at Jungkunst, he examines the phenomenon of football pitches and their perfectionist maintenance and preparation. A given for most football fans, pitches in top-level football must display an almost bizarre level of precision and homogeneity in order to meet FIFA standards. Gilian reveals the technologies and processes that work behind the scenes, creating a liminal and absurd visual language of hidden perfection. The images can thus be read both as a critical insight into a billion-dollar business and as a visual indulgence in tech aesthetics.
In einer archäologisch anmutenden Arbeitsweise untersucht Irene Rainer (sie/ihr) historische Artefakte, Alltagsgegenstände und mündliche Überlieferungen von Zeitzeug*innen. In ihrer Videoarbeit «Memories Of An Empty Stomach» zeigt sie zufällig entdeckte Aufnahmen ihres Grossvaters, die Südtiroler Berglandschaften einfangen, und verwebt sie mit eigenen filmischen Fragmenten. Im Zentrum steht die Suche nach dem Stellenwert von Nahrung und vom Kochen: Zwei ältere Nonnen erinnern sich an ihre Kindheit und erzählen von ihrem Verhältnis zu Brot, Knödeln und Hunger während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Irenes Arbeit thematisiert die Fragilität von Erinnerungen, hebt die Bedeutung des Geschichtenerzählens hervor und eröffnet einen Raum für Reflexion.
In an archaeology-inspired approach, Irene Rainer (she/her) examines historical artifacts, everyday objects, and oral histories from contemporary eyewitnesses. In her video work «Memories Of An Empty Stomach», she shows recordings made by her grandfather, discovered by chance that capture the landscapes of the South Tyrolean Alps, weaving them together with her own film fragments. The focus lies on the search for the significance of food and cooking: two elderly nuns recall their childhood and speak about their relationship with bread, dumplings, and hunger during and after the Second World War. Irene's work addresses the fragility of memory, highlights the importance of storytelling, and opens up a space for reflection.
Jorge Morocho (er/ihm) verbindet in seinen Werken Bildsprachen aus Popkultur, Werbung und Alltagsästhetik. Jorge appropriiert zirkulierende Bilder wie Porträts von George Michael und untersucht die Spannungen zwischen visueller Kultur bestimmter Zeiträume, Identifikation und Sehgewohnheiten. Aneignung ist für ihn keine ironische Geste, sondern eine Form des Reframings – ein Spiel zwischen Nähe und Distanz. Seine Malerei erzeugt eine Ästhetik der Unbestimmtheit, in der Kritik und Faszination koexistieren. Die Bilder verweigern sich der schnellen Deutung und oszillieren zwischen historischen Bezügen, Pop und spekulativer Fiktion. An der Jungkunst zeigt Jorge eine neue Werkgruppe, in der er Malerei räumlich inszeniert.
Jorge Morocho (he/him) combines visual languages from pop culture, mass media and everyday aesthetics in his works. Jorge appropriates circulating images such as portraits of George Michael and examines the tensions between the visual culture of specific periods, identification and viewing habits. For him, appropriation is not an ironic gesture, but a form of reframing—a play between proximity and distance. His painting creates an aesthetic of indeterminacy in which criticism and fascination coexist. The images resist quick interpretation and oscillate between ancient beliefs, pop culture and speculative fiction. At Jungkunst, Jorge is showing a new group of works in which he presents paintings in a spacial setting.
Was ist Liebe, wenn nicht Mitgefühl? Und wie zeigen sich Liebe und Mitgefühl, das mehr ist als blosse Behauptung? Mit «The End of our Love» spürt Juli Sando (sie/sier) diesen Fragen in zehn Kapiteln filmisch nach. Jenseits von Abstraktion oder Definitionsanspruch lotet sie mögliche Antworten auf Familie und ein Miteinander aus, das sich von romantisiert-verklärten Bildern zu lösen versucht. Ohne grosse Worte – zumindest keine gesprochenen – rückt ihr Werk, das sie für die Jungkunst als Installation inszeniert, drei Figuren ins Zentrum, die im feinen Wechselspiel mit der Kamera aufeinander reagieren.
What is love, if not empathy? And how do love and empathy manifest themselves when they are more than merely claimed? In «The End of our Love», Juli Sando (she/they) explores these questions filmically across ten chapters. Beyond abstraction or any claim to definition, she explores possible answers regarding familiy and a way of being together that seeks to free itself from romanticized and idealized images. Without many words—at least no spoken ones—her work, which she stages as an installation at Jungkunst, places three figures at its center, who respond to one another in a subtle interplay with the camera.
Bildcredits: Justine Knuchel, Juli Sando
An was erinnern wir uns, was wollen wir vergessen? Lale Keyhani (sie/ihr) befasst sich in ihren Filmen und Installationen mit Identität, Erinnerungskultur und der Fragilität mündlich überlieferter Erzählungen. In ihrer experimentellen Kurzdokumentation «Search for Khubady» reist sie mit einem kleinen Team nach Tbilisi und an die Grenze zu Südossetien, um einem ossetischen Volkslied nachzuspüren. Der Film stellt die Frage, was bleibt, wenn Erinnerungen an Heimat und mündliche Geschichten zu verschwinden beginnen. Er zeigt, wie Menschen widrigen Situationen und politischen Grenzen zum Trotz zusammen Musik machen und Tanzen – und neue Formen von Solidarität, Zugehörigkeit und Zusammenleben finden.
What do we remember, what would we like to forget? In her films and installations, Lale Keyhani (she/her) explores identity, remembrance culture, and the fragility of orally transmitted narrations. In her experimental short documentary «Search for Khubady», she travels with a small team to Tbilisi and the border with South Ossetia to trace an Ossetian folk song. The film asks what remains when memories of home and oral stories begin to disappear. It shows how people make music and dance together despite adverse situations and political boundaries—and find new forms of solidarity, belonging, and coexistence.
Wann fühlen wir uns sicher, geborgen, gehalten? Wie entstehen schützende Räume? In der Werkgruppe «now/sometime/then» entwickelt Laura Grubenmann (sie/ihr) fragile Environments aus Gefässen, Objekten und Bildern, die utopische Bildwelten eröffnen. Sie laden ein zum individuellen Träumen und kollektiven Erinnern. Terrakotta-Schalen, gefüllt mit Wasser, beherbergen kleine Gegenstände: Steine, oder gegossene Zinnobjekte, die zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit oszillieren. Daneben Malereien, weitere Objekte den Wänden entlang. Es sind Nischen, in denen sich Melancholie und Hoffnung überlagern. Lauras Arbeitsweise ist tastend, offen und prozessorientiert. Inhalte für Zeichnungen, Malerei und Skulptur entstehen aus Briefkorrespondenzen und gesammelten Materialien, die sie kombiniert und rekontextualisiert. Sie lädt dazu ein, aufmerksam dem zuzuhören, was bereits da ist – sodass imaginiert werden kann, was noch im Werden liegt.
When do we feel safe, secure, protected? How do we create a safe space? In her series of works titled «now/sometime/then», Laura Grubenmann (she/her) develops fragile environments from vessels, objects and paintings that open utopian visual worlds. They invite us to dream individually and remember collectively. Terracotta bowls filled with water contain small objects: stones or cast tin objects that oscillate between naturalness and artificiality. Next to them are paintings and further objects along the walls. These are niches in which melancholy and hope overlap. Laura's working method is tentative, open and process oriented. Drawings, paintings and sculptures emerge from correspondence and collected materials, which she combines and recontextualises. She invites us to listen attentively to what is already there—so that we can imagine what is yet to come.
Bildcredits: Lea Kunz
Leah Nehmert (sie/ihr) wandert in ihren Bildern durch komplexe Farbwelten und sich stetig transformierende innere Landschaften. Durch Aufenthalte in den Schweizer Alpen sowie den koreanischen Bergen hat die Basler Künstlerin ihre Beziehung zu sich selbst, der Natur und ihren koreanischen Wurzeln vertieft. Leah nutzt die Ölmalerei, um emotional-gedankliche Spaziergänge mit breiteren Fragen zu den Themen Erinnerung, Zeitfluss und Veränderung zu verbinden. In einem langsamen, bewussten und kontemplativen Prozess baut sie ihre Bilder mit stellenweise wiederkehrenden Sujets auf. Aufblitzende Lichtquellen, Wege, Sterne, Menschenkörper, Bäume, Blumen, Frösche und Punkte: Motive, die zwischen Erkennbarkeit und Abstraktion hin und her pendeln und uns durch Leahs persönliche, mysteriöse und leuchtende Welten schlendern lassen.
In her paintings, Leah Nehmert (she/her) wanders through complex worlds of colour and ever-changing inner landscapes. Through stays in the Swiss Alps and the Korean mountains, the Basel-based artist has deepened her relationship with herself, nature, and her Korean roots. Leah uses oil painting to combine emotional and intellectual journeys with broader questions about memory, the passage of time, and change. In a slow, conscious, and contemplative process, she constructs her paintings with recurring subjects. Flashing light sources, pathways, stars, human bodies, trees, flowers, frogs, and dots: motifs that oscillate between recognizability and abstraction, allowing us to stroll through Leah's personal, mysterious, and luminous worlds.
Bildcredits: Cedric Mussano
Lelah Neary (sie/ihr) nennt sich selbst nonchalant Entertainerin – und sie hält ihr Versprechen. Ihre Performances zitieren eine wilde Auswahl aus Kunstgeschichte und Popkultur: Goethe, Memes, Ballett, Death-Metal-Gesang, Tecktonik-Dance – und schaffen es dabei stets zu überraschen und zu unterhalten. In der Tradition der Youtube-Community versteht Lelah sich als breit interessierte Autodidaktin, die sich am liebsten über das Web selbst neue Tanzstile aneignet und Subkulturen und sogenannte Hochkultur aufeinander knallen lässt. Dem durchgehend-online-Lebensstil ihrer Generation stellt sie dabei ihre Präsenz, ihre Stimme und ihr Auftreten im Raum entgegen. In ihrer dreiteiligen Performance «Laptop Peace» zeigt uns Lelah unter anderem, wie sich ein Laptop als Tanzpartner eignet.
Lelah Neary (she/her) flippantly calls herself an entertainer—and she keeps her promise. Her performances draw on a wild array of art history and pop culture: Goethe, memes, ballet, death metal screaming, Tecktonik dance—and never fail to surprise and amuse. In keeping with YouTube community traditions, Lelah sees herself as a self-taught autodidact with a wide range of interests, often picking up new dance styles and skills online. Her work thrives on the clash between subculture and so-called high culture, juxtaposing her generation's chronically online mentality with her embodied presence, voice, and live performance in space. In the three-part piece «Laptop Peace», Lelah shows us, among other things, how a laptop can be used as a dance partner.
Bildcredits: Finn Curry
Lua Brönnimanns (sie/ihr) Arbeiten bewegen sich zwischen Internetkultur und gesellschaftskritischer Beobachtung – mit Humor, Flauschigkeit und Schärfe.
Die Installation «I Want to Become a Successful Artist Just Like Her» zeigt eine Sims-Figur beim Malen, dem einzigen möglichen künstlerischen Medium im Sims-Videospiel. Trocken entlarvt sie die kapitalistische Fixierung auf Verkaufbarkeit im Kunstbetrieb. In der Performance «Serving Fur and Brainrot» wird ein TikTok-Trend zur Performance: Eine als Katze agierende Figur lebt zu ausgewählten Zeiten im Ausstellungsraum, es ist physische Auseinandersetzung mit Cuteness, Brainrot und KI generierten Bildwelten zugleich.
Lua Brönnimann’s (she/her) works oscillate between internet culture and socially critical observation — with humour, fluffiness and poignancy. The installation «I Want to Become a Successful Artist Just Like Her» shows a Sims character painting, the only artistic medium possible in the Sims videogame. It dryly exposes the capitalist fixation on marketability in the art world. In the performance «Serving Fur and Brainrot», a TikTok trend becomes a performance: a cat-character lives in the exhibition space at selected times, engaging in a physical exploration of cuteness, brainrot and AI-generated imagery.
Bildcredits: https://www.instagram.com/kimedamo/ , https://www.instagram.com/dariarplv/
Zehn Jahre in die Zukunft zu denken: gar nicht so einfach. Pablo Bösch (er/ihm) versucht genau das: Mit «posters for a near future» entwirft er eine Plakatserie für fiktive Bands. Dabei imaginiert Pablo, wie sich die kulturelle Landschaft in naher Zukunft verändern könnte. Wie nah sich diese Zukunft bereits jetzt anfühlt, hängt – wie so oft – ganz von der Perspektive ab. Die einzelnen, digital realisierten Plakate entfalten ihre Wirkung erst in der Summe eines grösseren Ganzen. Es geht um die Wiederholung des Formats. So verhandelt seine Plakatserie nicht nur Design als künstlerische Praxis, sondern auch das Konzert als gesellschaftliche Form eines möglichen Morgens.
It's not so easy to think ten years into the future. Pablo Bösch (he/him) is attempting to do exactly that: With «posters for a near future» he creates a series of posters for fictional bands. In the process, he imagines how the cultural landscape might change in the near future. As so often, how close this future feels already now depends entirely on perspective. The impact of the individual digitally produced posters is only realised when they are seen as part of a larger whole. It’s about repetition of format. In this way, his poster series addresses not only design as an artistic practice, but also the concert as a social form of a possible tomorrow.
Was wäre, wenn Schwangerschaft entlohnt würde? Diese Frage stellt sich Paula Beck (sie/ihr) und macht in Form eines rechtsverbindlichen Vertrags einen Vorschlag, wie eine solche Regelung aussehen könnte. Die Schwangerschaft, die lange unsichtbar gemacht und ins Private verdrängt wurde, wird dadurch aus dieser Sphäre herausgelöst und als gesellschaftlich relevante Form reproduktiver Arbeit sichtbar. Paulas künstlerische Intervention zeigt auf, wie stark unsere Vorstellungen von Wert, Arbeit und Fürsorge (Care-Arbeit) noch immer von überholten Narrativen geprägt sind. Mit ihrem Vertrag durchbricht sie die verbreitete Illusion, Schwangerschaft sei eine private, kostenlose Dienstleistung. Entstanden ist der Vertrag im Austausch mit Expertinnen, darunter einer Hebamme, einer Juristin und einer Sozialanthropologin.
What if pregnancy were paid for? This is the question that Paula Beck (she) addresses, proposing a legally binding contract to illustrate how such a system could work. Pregnancy, which has long been rendered invisible and confined to the private sphere, would be lifted out of this space and recognised as a socially relevant form of reproductive labour. Paula's artistic intervention reveals how deeply our notions of value, work, and care are still influenced by outdated narratives. Through her contract, she challenges the widespread belief that pregnancy is an unpaid, private service. The contract was developed in consultation with experts, including a midwife, a lawyer, and a social anthropologist.
Zwischen zarter Linie und schützender Hülle erkundet Salome Jokhadze (sie/ihr) das Terrain des Geschichtenerzählens und die Spuren des kollektiven Gedächtnisses. Ihre Keramik nistet sich in die Architektur der Halle ein, bleibt zugleich verletzlich und widerständig. Zähne tragen Erinnerungen in sich: an Schmerz, Verlust und Veränderung, aber auch an Stärke und Resilienz. Schutz zeigt sich in Form von Rüstungen und Symbolen, während Augen als universelles Zeichen für Identität und Wahrnehmung wirken. In «Table of 3 (Million)» verweist Salome auf ihre Familie ebenso wie auf die drei Millionen Menschen Georgiens. Hunderte Keramikzähne verwandeln Tisch und Stühle in ein Denkmal für Vorfahren und deren Kämpfe um die Unabhängigkeit des Landes.
Between delicate line and protective shell, Salome Jokhadze (she/her) explores the terrain of storytelling and the traces of collective memory. Her ceramics nestle into the architecture of the hall, remaining at once vulnerable and defiant. Teeth carry memories within them: of pain, loss, and transformation, but also of strength and resilience. Protection appears in the form of armour and symbols, while eyes act as a universal sign of identity and perception. In «Table of 3 (Million)», Salome refers both to her own family and to the three million people of Georgia. Hundreds of ceramic teeth transform the table and chairs into a monument to ancestors and their struggles for the country’s independence.
In Sonya Isupovas (sie/ihr) Arbeit wird Kartografie zum Mittel des Widerstands: sie nutzt Technologie, um sichtbar zu machen, was durch Krieg ausgelöscht wird. In «Mapping Uncertain Landscape» entstehen in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen datengestützte Zeichnungen, die Veränderungen in der Landschaft im Süden der Ukraine nach der gezielten Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 dokumentieren. Die Zerstörung des Damms hat nicht nur dutzende Siedlungen überschwemmt, sondern auch massive ökologische Auswirkungen. Zusammen mit dem Geowissenschaftler Anatolii Chernov hat Sonya Satellitendaten zur Vegetation vor und nach der Zerstörung analysiert und Veränderungen dokumentiert. Sonya befasst sich mit Verlust und Erinnerung anhand von verkörpertem Wissen, präsentiert mit einer innovativen Gegenkartografie.
In Sonya Isupova’s (she/her) work, cartography becomes a means of resistance: she uses technology to reveal what has been destroyed by war. In «Mapping Uncertain Landscape», she collaborates with scientists to create data-driven drawings that document changes in the landscape in southern Ukraine following the deliberate destruction of the Kakhovka Dam in June 2023. The destruction of the dam not only flooded dozens of settlements but also had a massive ecological impact. Together with geoscientist Anatolii Chernov, Sonya analysed satellite data about vegetation before and after the destruction and documented the changes. Sonya deals with loss and memory through embodied knowledge, presented with innovative counter-cartography.
Bildcredits: Polina Polikarpova, Sebastian Reinicke
Tina Janiashvilis (sie/ihr) Werke sind ein Spiel der Schatten und Formen. In ihren Reliefs und Malereien schichten sich verschiedene Weiss-, Grau- und Schwarztöne und sprengen die gewohnte Begrenzung durch die zweidimensionale Fläche. Es entstehen offene, poröse, skulptural gedachte Welten.
Obwohl die in den Werken enthaltenen Figuren und Tiere stumm bleiben, so erzählen die Kompositionen doch mehrdeutige Geschichten, welche Unaussprechliches und Ungreifbares flüstern. Erzählungen voll von unvorhersehbaren Entwicklungen und multiplen Handlungssträngen, in denen Formen miteinander verschmelzen, sich auflösen und ihre assoziative Kraft entfalten. Ein Spiel mit Unschärfe und Erkennen, eine Suche nach einer offenen, traumartigen Sprache der Bilder.
Tina Janiashvili’s (she/her) works are an interplay between shadows and shapes. In her reliefs and paintings, different shades of white, gray, and black are layered, breaking through the usual limitations of the two-dimensional surface. The result are open, porous, sculpturally conceived worlds.
Although the figures and animals in the works remain silent, the compositions tell stories that whisper the unspeakable and incomprehensible. These are narratives full of unpredictable developments and multiple plot lines, in which forms merge, dissolve, and unfold their associative power. A play with uncertainty and recognition, a search for an open, dreamlike language of images.
Tobias Hauswirth (er/ihm) erschafft in seinen Gemälden Formen, die aus seiner nahen Umgebung stammen. Warum «erschaffen», wenn sie doch schon existieren? Weil Tobias sie sieht und neu konturiert. Er führt die Betrachtenden zu einer Idee, die vielleicht schon in ihnen schlummert, aber erst durch seine Werke sichtbar wird. Klingt abstrakt? Das passt. Tobias spielt an den Grenzen der Malerei, überschreitet Formate und Formalien und öffnet so Räume, in denen Vorstellung und Realität aufeinandertreffen.
In his paintings, Tobias Hauswirth (he/him) depicts forms he creates from his immediate surroundings. But why «create» them when they already exist? Because he reimagines and reshapes them, aligning them with his imagination. He invites viewers to follow an idea that may already lie dormant within them but only becomes visible through his works. What may sound a little abstract, actually is. Tobias moves along the edges of painting, pushing past formats and conventions to create spaces where imagination and reality converge.
Im Mittelpunkt der Videoarbeit von Nick Walter (er/ihm) und Tara Cunningham (sie/ihr) stehen Szenen des Alltags: Gesichter aus der Nähe wie aus der Ferne, das Atmen, das Sein. Ihre blaue Einfärbung kommt durch die Transformation des Filmmaterials in Cyanotypien: Dadurch erscheinen die Bilder als Negative, welche die andere Seite des Sichtbaren zeigen. Es wird suggeriert, dass wir durch die Aufnahmen hindurchschauen können. Wir sehen Menschen, die Krisen oder sexualisierte Gewalt überlebt haben. Je länger man schaut, desto deutlicher wird die Grenze der eigenen Wahrnehmung. So entsteht eine stille Beobachtung, die weder vereinnahmt noch erklärt. Die begleitende Musik entfaltet ein vibrierendes Feld: Ein Pulsieren zwischen Melancholie und Freiheit, welche das Gewicht des Erlebten trägt und zugleich ein Gefühl von Weite eröffnet. Über drei Jahre gesammeltes Found Footage-Material haben sie verdichtet und digital montiert. «Despite Everything» erzählt davon, wie es ist, im Dasein zu bleiben: Von der Leichtigkeit, die aufscheint, und von der Schwere, die bleibt.
At the heart of the video installation by Nick Walter (he/him) and Tara Cunningham (she/her) are scenes of everyday life: faces—both close-up and from a distance—the act of breathing, and the state of simply being. The blue tonality of the images arises from their transformation into cyanotypes: they appear like negatives, revealing the reverse side of the visible. It is as if we can look through the recordings themselves. We see people who have survived crises or sexual violence. The longer you look, the clearer the limits of your own perception become. What unfolds is a quiet observation that neither appropriates nor explains. The accompanying music creates a resonating field, oscillating between melancholy and freedom. It carries the weight of lived experience while simultaneously evoking a sense of expansiveness. Found footage collected over more than three years has been distilled and digitally assembled. «Despite Everything» speaks of what it means to endure: the flicker of lightness that emerges, and the weight that persists.
Das Künstlerduo Cedric Zellweger (er/ihm) und Valentin Böhm (er/ihm) verwandelt recycelten Schaumstoff in eine begehbare Installation, die den Inselurbanismus kritisch hinterfragt. Zwischen Vision und Provisorium, Ordnung und Komplexität lädt das Werk dazu ein, Räume zu erkunden, eigene Perspektiven einzubringen und über städtebauliche Entwicklungen nachzudenken. Die weiche, modulare Form eröffnet spielerische Zugänge und lässt die Besucher*innen unmittelbar in das Spannungsfeld von gebauten Strukturen und sozialen Dynamiken eintauchen.
The artist duo Cedric Zellweger (he/him) and Valentin Böhm (he/him) transform recycled foam into a walk-in installation that critically questions island urbanism. Between vision and provisionality, order and complexity, the work invites visitors to explore the space, contribute their own perspectives, and reflect on urban development. Its soft, modular form opens playful pathways, allowing visitors to engage directly with the tensions between built structures and social dynamics.
Für Zoe Baranek (sie/ihr) beginnt künstlerisches Arbeiten mit dem Akt des Findens: Ein Schuh, ein Satzfragment, eine Werbung, eine Skizze. Ihre Fundstücke archiviert, kopiert, zerschneidet und überträgt sie in neue Medien. Bis sie kaum wiederzuerkennen sind und doch eine Spur ihres Ursprungs bewahren. Text wird zu Malerei, Plastikfolie zum Objekt, ein Strassenschild zum Karton-Relief. Ihre plastischen Arbeiten entstehen aus spontanen Begegnungen, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt haben und an der Jungkunst zu persönlichen Denkmälern transformiert werden. Das Alltägliche kippt ins Poetische, das Banale verwandelt sich ins Rätselhafte. Wiederholung bedeutet bei Zoe nicht Stillstand, sondern Freilegung.
For Zoe Baranek (she/her), artistic practice begins with the act of finding: a shoe, a fragment of a sentence, an advertisement, a sketch. What she gathers she archives, copies, cuts apart and transposes into new media—until it is scarcely recognisable, yet still carrying a trace of its origin. Text becomes painting, plastic sheeting becomes object, a street sign transforms into a cardboard relief. Her sculptural works arise from fleeting encounters that have etched themselves into memory and, at Jungkunst, are transfigured into personal monuments. The everyday slips into the poetic; the banal acquires an enigmatic charge. Repetition, in Zoe’s work, is never stagnation but a form of excavation.
Bildcredits: Jean-Christophe Lett, Alessandra Leta, Courtesy Office fédéral de la Culture, Swiss Art Awards, 2025, Gina Folly